Ist die Ostsee flächendeckend verseucht?

Eine schematische Darstellung bekannter Versenk-
ungsgebiete ist unter Lageplan zu finden. Es handelt sich dabei u.a. um Fischgründe östlich von Bornholm, südöstlich von Gotland, im Kleinen Belt, vor Lysekil (Schweden) und vor Arendal (Norwegen).

Auch in der Eckernförder Bucht und am Ausgang der Kieler Förde wurde in Tiefen von weniger als 30 m Giftmunition versenkt.

So gab es 1960 eine Zeitungsmeldung, nach der mindestens 28.000 (andere Quellen sprechen sogar von 60.000 bis 80.000) Gasgranaten, gefüllt mit dem Nervenkampfstoff Tabun, aus je einem Wrack vor der Kieler und der Flensburger Förde geborgen, in Spezialfässer einbetoniert und 300 Meilen westlich der nordspanischen Küste wieder ins Meer geworfen wurden. 90 Tonnen Tabun-Granaten wurden außerdem kurz vor Ende des Krieges von der Deutschen Wehrmacht 3 Seemeilen südlich von Helgoland in der Nordsee abgekippt.

Trotz Kenntnis der Hauptversenkungsgebiete ist die Lage vieler einzelner Schiffswracks, die einst samt ihrer hochbrisanten Ladung versenkt wurden, bis heute ungeklärt. Augenzeugen der Versenkungen berichten, dass viele der Schiffe und damit auch große Teile ihrer todbringenden Fracht gar nicht erst bis zu den ausgewiesenen Versenkungsgebieten gelangt sind.
Schlechte Witterung, Treibstoffmangel, technische Probleme aufgrund der Beschaffenheit der meist schrottreifen Kähne, Zeit- und Geldmangel bei der Entsorgung haben häufig dazu geführt, dass die Munition oder die Schiffe samt ihrer Giftladung außerhalb der vorgeschriebenen Stellen versenkt wurden. So sollten die östlich von Bornholm versenkten Kampfstoffe eigentlich in einer Tiefe von ca. 200 m versenkt werden. Nachforschungen der Bezirksbehörde der Volkspolizei Rostock ergaben indes schon im Jahr 1953, dass weite Teile der Kampfstoffe lediglich in einer Tiefe von ca. 80 m lagern. Da sich in Abhängigkeit von der Wassertiefe auch Parameter, wie z.B. der Sauerstoffgehalt, die Wassertemperatur oder die Stärke von Meeresströmungen ändern, sind die Tiefenangaben gerade deshalb wichtig, um die Lebensdauer der Kampfstoffbehälter und die Möglichkeit ihrer Verdriftung abschätzen zu können.

Ein weiteres Problem ist, dass jetzt, nach über 50 Jahren, die Munition nicht mehr an den Stellen liegen muss, an denen sie ursprünglich versenkt wurde. Bereits im Jahr 1954 wurde eine Bombe am Selliner Strand auf Rügen entdeckt. Inzwischen sind mehrere hundert Fälle bekannt geworden, wo außerhalb der Sperrgebiete in den angrenzenden Gewässern, Fischer Restbestände und Gifte in den Schleppnetzen gefunden haben. So gab es bereits 1984 eine Zeitungsnotiz „Ostsee: 5000 Quadratkilometer sind giftverseucht“. Besonders besorgt sind die Dänen über die östlich von Bornholm versenkte Giftmunition, bei der es sich um 100.000 bis 125.000 Tonnen handeln soll. So fanden im Februar 1992 Spaziergänger am Strand von Dueodde auf Bornholm eine Fünf-Zentner-Lost-Bombe. 193 Bomben dieses Gewichts wurden beispielsweise erst im Jahr 1962 durch die Volksmarine der ehemaligen DDR bei Bornholm versenkt. Gänzlich unklar bleibt auch, in welchem Ausmaß die Munitionsbehälter aus den Sperrgebieten z.B. durch Grundschleppnetze, Meeresströmungen oder Unwetter mit hohem Wellengang heraustransportiert wurden oder verdriftet sind.